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Zum Tempel hier entlang

Nackt auf dem Bahnhofsklo

der Kessel #2: die Anderen

  • Zum Tempel hier entlang von: Serafia Serafin
    lesbar: Lesezeit: 14 Min.

    Athame, Pentakel, Schattenbuch und Zauberstab. Hexen und andere Magiepraktizierende können einen Koffer mit ihren Utensilien füllen. Geht es auch ohne sie? Die Fortgeschrittenen in der Magie bestehen darauf, dass sich alles auch nackt auf dem Bahnhofsklo verwirklichen lassen muss. Ob das wirklich so einfach ist, hat die Autorin persönlich erforscht.

    Der Zug, der mich nach Köln bringen soll, hat Verspätung. Weil er auch dann noch nicht abfährt, nachdem ich mir wählerisch einen der vielen Plätze herausgepickt und mich hingesetzt habe, werde ich unruhig. Ich habe nur wenig Zeit; in Köln angekommen werde ich weniger als eine Stunde haben. Magische Arbeit unter Druck bin ich nicht gewohnt. Wenn ich nicht gerade spontan und intuitiv arbeite, bereite ich mich gründlich vor, suche nach Korrespondenzen und achte darauf, dass ich gut eingestimmt bin. Um ehrlich zu sein: Wenn dieser Artikel nicht gewesen wäre, hätte ich dieses Experiment wahrscheinlich niemals gewagt. Der Anlass dafür ist ein Satz, den ich 2005 von meiner ersten Lehrerin zu hören bekam. Sie hatte gerade ihren Hexenladen eröffnet und nutzte die Räumlichkeiten, um einen Anfängerkurs in Magie anzubieten. Dieser Satz, den ich bisher nie wörtlich genommen hatte, war eine meiner wichtigsten Lektionen: „Wenn du den Zauber nicht nackt auf dem Bahnhofsklo vollziehen kannst, zauberst du nicht!“ Der Kernpunkt ist: Wer nicht ohne Werkzeug und an jedem beliebigen Ort arbeiten kann, der sollte sich nicht Magier oder Hexe nennen. Ich treibe es jedoch mit dem Wörtlichnehmen auf die Spitze und will auf dem öffentlichen WC des Kölner Hauptbahnhofs einen Zauber durchführen. Ich kann mir durchaus stimmungsvollere Orte vorstellen.

    In meiner Tasche ist nichts, das mir helfen wird. Ich kann weder auf Kerzen noch auf Räucherwerk zurückgreifen. Wird das, was ich tun werde, trotzdem reichen? Bei diesem Gedanken wird mir bewusst, dass es diesmal genau darum geht. Meine Vorbereitungen für diesen Zauber waren unkompliziert: Nachdem das Thema für diesen Artikel klar war, wusste ich, dass ich keine Zutaten und keine Werkzeuge benutzen würde. Alles, was ich mitnehme, ist meine Erfahrung. Eines meiner Grundprinzipien ist, dass ich keinen Zauber nur um seiner selbst Willen ausführe. Ich mache kein magisches Theater. Als das Thema Bahnhof mit dem Thema Magie zusammenfand, brauchte ich zusätzlich einen Grund zum Zaubern. Ich erinnerte mich an die organisierten Überfälle auf Frauen, die zu Silvester nicht nur in Köln stattfanden. Wenn ich also ausgerechnet an diesem Ort einen Zauber wirke, dann sollte er dazu dienen, dem Ort ein Stück seines ehemaligen Friedens zurück zu geben. Er sollte helfen, die Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen und er sollte die Opfer in ihrer Heilung unterstützen. Hätte ich diesen Zauber zuhause ausgeführt, hätte ich den richtigen Zeitpunkt ausgewählt und die richtige Musik. Ich hätte meinen Altar geschmückt und vielleicht hätte ich auch getanzt. Ob jetzt der richtige Zeitpunkt ist, weiß ich nicht. Ich habe nicht einmal nach den passenden Korrespondenzen oder Mondphasen gesucht. Um ehrlich zu sein, fiel die Wahl des richtigen Zeitpunktes sehr spontan aus: Wenn ich nicht einfach aufgebrochen wäre, wäre ich niemals losgefahren. Der Gedanke, der mich aus dem Haus trieb, war: „Tu es! Tu es jetzt! Sonst wird nie etwas daraus!“

    Als ich aussteigen will, pralle ich fast gegen eine Wand aus Menschen. Ich schlängele mich zwischen den Reisenden hindurch und lasse mich in der Menge treiben. Nach der Ruhe des Dorfes, in dem ich wohne, genieße ich diese Atmosphäre. Fast jeder hier hat ein Ziel, eine Geschichte; alles wirkt wichtig. Gleichzeitig locken die verschiedenen Stände und Geschäfte mit ihrem Angebot, das mir in allen Farben entgegen leuchtet. Aber deswegen bin ich nicht hier. Ich hebe suchend den Blick und entdecke ein gelbes Schild, das mir den Weg zum WC weist. Während ich ihm folge, nimmt die Betriebsamkeit ab. Hinter den Schnellrestaurants liegt eine stille Gasse, in der sich kaum noch ein Mensch befindet. Wenige Meter zuvor leuchteten Farben, lockten Düfte – hier ist es deutlich trister. Sogar die glänzenden Stahlschranken, die dafür sorgen, dass jeder Besucher dieses Ortes Eintritt zahlt, wirken abgenutzt. Ich denke an den Bahnsteig zurück und überlege, ob ich den Zauber nicht lieber dort ausführe. Er war deutlich einladender als das hier. Aber was soll's. Ich krame eine Münze aus dem Portemonnaie und trete ein. Wenn dieser Ort privat genug ist für die Dinge, die wir nicht vor den Augen der anderen erledigen wollen, dann ist er eigentlich genau richtig, um einen Zauber zu wirken. Dabei will ich schließlich auch nicht gestört werden.


    dka2 08 bahnhofsklo 02Klickend schließt sich die Kabinentür hinter mir. Ich hatte Stille erwartet, doch das dünne Material scheint alle Geräusche sogar noch zu verstärken. Schritte, Türenschlagen und das emsige Arbeiten der Reinigungskraft reißen mich immer wieder in den Alltag zurück, während ich versuche, mich einzustimmen. Stilles Örtchen? Von wegen! Gehetzt von diesem Lärm, setze ich mich unter Druck und versuche mich zu beeilen. Sehr kontraproduktiv! Für Magie ist ein Geisteszustand von intensiver Konzentration nötig. So aufgescheucht, wie ich bin, wird das wohl kaum etwas. Zum Glück kommen mir meine Meditationsfähigkeiten nun zugute, die ich auf der Strecke zwischen Wien und Italien erlernt hatte. Ich war mit der Familie meines damaligen Verlobten auf dem Weg in den Urlaub. Während dieser neun Stunden dauernden Autofahrt wurde die Lieblings-CD meiner zukünftigen Schwiegermutter abgespielt. Wohlgemerkt: Eine CD mit 12 Titeln. Im Repeat-Modus. Neun Stunden lang. Es blieb mir nur die Wahl, verrückt zu werden oder zu lernen, wie ich meine Wahrnehmungen durch mich hindurch fließen lassen konnte, ohne mich auf sie zu konzentrieren. Die Kastelruther Spatzen haben mich gestählt. Da reicht bloßes Klappern oder Stimmengemurmel gar nicht heran.

    Ich schließe die Augen, atme durch, hebe meine Hände auf Schulterhöhe und konzentriere mich darauf, einen Schutzkreis zu errichten. Kaum zwei Sekunden später befinde ich mich im Zentrum eines imaginären Walls aus blauem Feuer. Meine Aufregung legt sich und ich sinke tiefer in die Trance. Aus dem Osten haucht mich eine kühle Brise an und lässt mich klarer werden. Aus dem Süden pulsieren Flammen; ihre Kraft sinkt in mein Herz und verleiht mir Entschlossenheit. Frisches, klares Nass begrüßt mich im Westen mit Reinheit und im Norden gibt mir die Bodenständigkeit festen Halt. Dabei orientiere ich mich an meinem Gefühl, mein Kompass liegt zuhause auf meinem Schreibtisch. Mit einem freundlichen Gedanken begrüße ich die vier Wächter, ehe ich mich darauf konzentriere, Schamasch anzurufen. Schamasch ist der Sonnengott des mesopotamischen Pantheons und gehört damit zu einer der ältesten Kulturen. Er ist der, der alles sieht, Richter, Lebensspender, Bringer von Heil und Gerechtigkeit. Plötzlich fühlt es sich an, als würden Sonnenstrahlen mein Gesicht wärmen. Er hat mein Rufen gehört. Ich bitte ihn um seine Kraft, fühle, dass sich etwas in mir verändert, als würde mein Herz sich weiten und sich die Wirklichkeit verschieben. Ich werde zum Ausgangspunkt und Mittelpunkt strahlender Energie, als wäre ich der Kern der Sonne. Licht und Wärme wachsen aus mir heraus. In pulsierenden Wellen strömt die Kraft gleichmäßig aus meinem Zentrum und breitet sich aus. Vor mein inneres Auge treten Bilder der Täter. Ich richte meinen Willen darauf, dass das Licht sie sichtbar macht. Schamasch, der Richter soll für ihre gerechte Verurteilung sorgen. In Erinnerung an die kurze Zeit, die ich insgesamt habe, schubst mich meine wach gebliebene innere Kontrollinstanz weiter zur nächsten Aufgabe. Noch immer bin ich die Sonnenkugel; die Wellen pulsieren, bilden jedoch nun ein anderes Muster. Jetzt geht es um Heilung, um das Zurückgewinnen von Kraft und Frieden. Ich visualisiere Frauen, zu denen die Energie gehen wird. Schamasch wird ihnen Heilung bringen, Trost und Freude.

    Zuletzt konzentriere ich mich auf den Ort selbst, verbinde mich durch meine Füße mit dem Boden, als würden feine Wurzeln aus mir heraus wachsen. Welle um Welle lasse ich in den Grund sinken, visualisiere, wie sich das Licht durch die Wände und die Decke hindurch ausbreitet. Obwohl ich die Intensität des Lichtes steigere, fühlt es sich an, als würde ich versuchen, etwas zu füllen, dessen tatsächliche Größe ich nicht ermessen kann. Ich merke, dass es für eine Wiederherstellung, wie ich sie eigentlich im Sinn hatte, eine ganze Armee von Hexen und Magiern bräuchte. Hier ist deutlich zu viel geschehen. Nicht nur an diesem Silvester, sondern über die lange Zeit hinweg, die es diesen Ort schon gibt. Auch wenn es nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein sollte, gehe ich so weit ich kann und sende, was ich geben kann. Als ich abbreche und in die Gegenwart zurückkehre, schwanke ich leicht und fühle mich ausgelaugt. Um das Protokoll zu wahren, verabschiede ich die Wächter, ehe ich die Augen wieder öffne. Für ein paar Sekunden bin ich desorientiert, als wäre ich von einem sehr weit entfernten Ort hierher katapultiert worden. Die Realität irritiert mich und fordert mehr Kraft als üblich. Ich kenne diesen Zustand schon von anderen magischen Operationen und weiß, dass er sich verflüchtigen wird. Trotzdem wird etwas Süßes mir jetzt gut tun und dafür sorgen, dass sich mein Kreislauf wieder normalisiert.
    Ich schlängele mich durch das Gedränge hindurch und beeile mich, meinen Zug zu erwischen. Die Zeit ist schneller vergangen, als ich dachte. Auch das ist normal beim Zaubern.

    Ist das, was hier passiert ist, real? Oder hatte ich nur einen besonders intensiven Wachtraum? Das ist eine Frage, die alle Magiepraktizierenden früher oder später umtreibt. Je mehr Erfahrung man hat, desto öfter erlebt man, dass die Dinge, die man mit Hilfe von Magie wahr machen wollte, auch wirklich eintreten und die Zweifel legen sich. Doch wenn es ein Zauber ist, dessen Resultat ich nicht überprüfen kann, bleibt die Unsicherheit. Wahrscheinlich ist es deswegen leichter, mit Werkzeugen zu arbeiten. Damit spürt man die Magie auf beiden Ebenen: Der geistigen, in der sie eigentlich stattfindet und der physischen, die spürbaren Halt bietet. Dieser Halt fesselt uns jedoch auch: An Orte, an denen wir uns wohl fühlen, wohl genug, um zu praktizieren; an Gegenstände, die uns so lieb und vertraut sind, dass sie für sich schon eine eigene Kraft zu haben scheinen. Dabei vergessen wir schnell, dass das eigentliche Wirken nur auf der nicht physischen Ebene stattfindet.
    Die andere Falle, in die wir ohne Zeremoniell zu tappen drohen, ist der Gedanke, dass Magie aus simplem Wünschen besteht. Um sich auf geistige Prozesse konzentrieren zu können, sind physische Handlungen hilfreich. Wenn du den Zauber nicht nackt auf dem Bahnhofsklo ausüben kannst, zauberst du nicht. Ganz gleich, wie toll deine Magie ist, sie ist nichts wert, wenn du nicht spontan sein kannst und auch dann wirken kannst, wenn du komplett auf dich allein gestellt bist.
    Bindet man sich allerdings an magische Orte oder Gegenstände, fesselt man sich unnötig, denn die Magie ist ständig da. Sie funktioniert auch ohne die richtige Umgebung und den richtigen Zeitpunkt. Wenn du noch nicht einmal ein Küchenmesser zur Hand hast, muss es eben ganz ohne Dolch gehen. Die Magie bist Du selbst. Deswegen kannst du sie auch nicht verlieren, auch wenn es Zeiten gibt, in denen man sich wirklich unmagisch fühlt. Wie bei Dumbo, der erst in einer Notsituation entdecken musste, dass es nicht die Feder war, die ihn fliegen ließ, sind es nur das Selbstvertrauen und eine Portion Übung, die einem die Gabe verleihen. Das eigentliche magische Werkzeug ist und bleibt der eigene Geist. Doch nicht nur der: Es gibt noch mehr, das man als Hexe oder Magier trotz einer leeren Tasche bei sich haben kann.

    Götter als magisches Werkzeug

    Der Grund, aus dem ich ausgerechnet Schamasch für diesen Zauber gewählt habe, war, dass ich durch das mesopotamische Pantheon zum ersten Mal bewusst zur praktischen Magie gefunden habe. Damals war es eigentlich ein Zufall: Durch eine Freundin entdeckte ich, dass es tatsächlich Bücher über praktische Magie gab. Ich hatte das als Tochter eines rationalen Atheisten und einer nicht praktizierenden Christin nie für möglich gehalten. Also kaufte ich mangels Erfahrung das Erstbeste, das mir unter die Finger kam. Dieses Erstbeste war ausgerechnet das Necronomicon aus dem Schikowski Verlag; ein Buch, über das fast alle, die über ein wenig magisches Grundwissen verfügen, die Nase rümpfen. Bei mir funktionierte es bestens. Es mag vielleicht auch daran liegen, dass es sich auf die mesopotamische Götterwelt stützt, die ja tatsächlich Bestandteil der antiken Kulturen war. Diese Götterwelt ist die älteste schriftlich belegte. Viele Mythen, die wir heute als biblisch kennen, sind aus dieser Kultur übernommen worden. Meine bewusste magische Arbeit begann vor elf Jahren damit, dass ich von einem Gott zum nächsten wandelte, ihre Prinzipien lebte und erlebte. Es war, als würde ich mit dem Übergang zur nächsten Gottheit auch meine Persönlichkeit austauschen – eine sehr schizophrene Erfahrung. Die beste Zeit davon war die Schamaschs und er ist bisher der einzige Gott, den ich willentlich invoziert habe. Seine Kraft ist positiv, stark und Glück bringend – der Grund, warum ich ihn für den Zauber wählte. Warum aber überhaupt einen Gott ansprechen? In Der Magie ist es Tradition, sich selbst als Gott zu sehen, also zu begreifen, dass man derjenige ist, dessen Willen die Geschicke steuert und dass es keine fremde Macht gibt, die einem übergeordnet ist. Dementsprechend braucht man doch keine Gottheiten mehr?

    Magie und Religion sind Schwestern; die Zaubersprüche der mittelalterlichen Volksmagie wenden sich vor allem an Jesus, manchmal auch an Maria. Beide werden als wirkende Instanzen angerufen. Derjenige, der diese Anrufungen ausspricht, gilt jedoch als Zauberer oder Besprecher. Das bedeutet, dass er (oder sie) durch sein Tun die höhergeordnete Instanz dazu bringt, etwas Wirklichkeit werden zu lassen, das vielleicht so nicht im Schicksalsplan enthalten war. Magie hatte ihren Ursprung in der Beschwörung von Gottheiten. Oft findet sie sich heute noch dort. Die Erkenntnis, dass weder Gottheiten noch Geister für einen Zauber notwendig sind, ist ein Kind der modernen Aufklärung, in der sich der Mensch tatsächlich zum Herr des eigenen Schicksals aufgeschwungen hat. Es brauchte jedoch noch einen längeren Weg bis zur heutigen Chaosmagie, in der man jede Weltanschauung wie ein Werkzeug benutzt.

    Wenn man es nüchtern betrachtet, ist es nicht nötig, eine Gottheit anzurufen. Vor allem, wenn diese nicht der eigenen Religion entspricht. Ich hätte in diesem Fall auch einfach die passende Kraft rufen können, ohne ihr einen konkreten Namen zu geben. Aber das ist ja auch der Knackpunkt: Götter haben feste Charakteristiken. Sie haben bestimmte Rollen und Aufgaben, denen sie in ihrer Kultur entsprechen. Das bedeutet, dass ich genau diese Kraft und keine andere anrufe, wenn ich den Namen der betreffenden Gottheit benutze. Wollte ich ohne Gottheit arbeiten, hätte ich alles, was ich bezwecken wollte, gezielt aussprechen müssen. Anstatt den Namen des Gottes auszusprechen, hätte ich meine Absichten formulieren müssen: „Jene Kraft, die durch ihre Wärme Freude bringt, jene Kraft, die durch ihr Licht Leben spendet und heilt, jene Kraft, die durch ihre Allgegenwärtigkeit alles sieht und jene Kraft, die durch ihre Helfer richtet und Gerechtigkeit schafft“. Was für ein Sermon! Dazu empfinde ich das Anrufen einer Kraft als sehr unpersönlich. Eine Gottheit ist eine Person, die ihren eigenen Willen hat. Sie kann sich auch einer Anrufung verweigern oder ganz anders agieren, als man es ihr vorschreibt. Man kann mit ihr handeln, falls sie ein Opfer fordert und man kann einen Fall bewusst in ihre Hände legen, in dem Wissen, dass diese Gottheit weiter handelt, als man es mit dem eigenen Willen steuern kann. Dementsprechend ist die Gottheit, selbst wenn es ein wenig respektlos klingt, auch ein magisches Werkzeug; nur eben eines, das man überall hin mitnehmen kann.

    Wenn man mit Göttern arbeitet, beginnen Spiritualität und Magie Hand in Hand zu gehen. Eine Person, die hilft, ist kein Ding. Eine Person, die Ratschläge gibt oder als Ansprechpartner in Notsituationen gilt, kann kein einfacher Gegenstand sein. Deswegen beginnt für viele magisch Praktizierende die Götter- und Geisterwelt lebendig zu werden. Man wird wach für die andere Seite und interagiert mit ihr bewusst, auch im Alltag. Deswegen ist Magie manchmal ein Weg zur Spiritualität und andersherum. Tatsächlich ist die Magie mit der Spiritualität stärker verbunden, als der Religion, die ja eine institutionalisierte Form der Spiritualität ist. Viele, die Naturgottheiten anbeten, üben sich in magischer Praxis schon allein, indem sie ihren Göttern eine Kerze anzünden, oder den Naturgeistern ein freundliches Opfer in Form eines Apfels darbringen. Magie ist so vielfältig wie ihre Anwender. Nicht immer muss eine magische Handlung auf die Formel des Frater V∴ D∴ hinauslaufen:
    Imagination + Wille = Magie.
    In meinen Augen beginnt die Magie damit, dass wir uns der tieferen Ebene bewusst werden und dadurch Zugang zu ihr erhalten. Dadurch wird es möglich, mehr wahrzunehmen, als wir im Alltag gewohnt sind. Mit einem Mal scheint die Welt auf eine Art und Weise zu kommunizieren, die ohne Worte auskommt. Plötzlich ist es nicht mehr möglich, sich an einem völlig fremden Ort zu verirren, weil man gelernt hat, den Dingen zu lauschen, wodurch man auch viel mehr erfährt, als tatsächlich ausgesprochen wird. Ich denke, dass die Sicht, dass Magie das Aufzwingen des eigenen Willens auf die Welt ist, sehr beschränkt ist. Sobald es mehr als einen Magiepraktizierenden auf der Welt gibt, kann es so auch gar nicht mehr funktionieren. Die Wirklichkeit würde von zu vielen gleichzeitig manipuliert. Das Ergebnis wäre Chaos.

    Magie bedeutet auch, zu fühlen, dass man ein Teil des großen Puzzles ist und dementsprechend zu handeln. Beginnt man in diesem Gleichgewicht durch alltägliche Handlungen mitzuweben, erlebt man einige Wunder. Bei mir dauerte es ein paar Jahre, bis ich zu dieser Erkenntnis gelangte. Als ich mit der Magie begann, nutzte ich sie zu jeder sich bietenden Gelegenheit. Selten benutzte ich dafür Werkzeuge oder Ähnliches. Es genügte, mich in eben jenen Geisteszustand zu versetzen, der für die Magie nötig ist und meinen Willen auf das Ziel zu fokussieren. Es waren banale Dinge: Ein ideales Ergebnis beim Würfelspiel oder regelmäßiger Ausfall der ersten Stunden in der Berufsschule, immer dann, wenn ich mich zu verspäten drohte. Obwohl man solche Dinge auf den Zufall schieben kann, war mein Erfolg für mich der Beweis, dass Magie wirklich existiert. Obwohl ich privat gerne ohne jegliches Werkzeug oder irgendein Tamtam wirke, greife ich trotzdem gerne darauf zurück, wenn ich mit anderen zusammenarbeite. Denn dieses „Tamtam“ sorgt dafür, dass jeder der Teilnehmer zu jeder Zeit des Zeremoniells weiß, worum es gerade geht und sich dadurch zusammen mit den anderen auf ein gemeinsames Ziel konzentriert. Nur so kann ein gemeinsames Wirken entstehen. Damit hängt die Entscheidung, ob man mit Werkzeugen, der richtigen Kleidung und lauten Anrufungen oder mit leerer Hand in einem beliebigen Setting, also „nackt auf dem Bahnhofsklo“ zaubert, vor allem davon ab, ob man allein arbeitet oder nicht.

    Nackt war ich übrigens nicht, auch wenn mein Ritualkleid in meinem Schrank geblieben ist. Vielleicht braucht es, um den Mut dafür aufzubringen, eine weitere bewegende Erfahrung mit den Kastelruther Spatzen. Wahrscheinlich ist es aber besser für die Allgemeinheit, dass ich diese CD nicht besitze.

    der Kessel WebExtra

    Portrait Schamasch

    dka2 08 bahnhofsklo 03

    Pantheon: Mesopotamisch / Babylon / Assyrisch
    Alternativer Name: Utu
    Schreibweise: Ud + Götterzeichen
    Insignie: Säge
    Rolle: Richter / Rechtssprecher
    Gestirn: Sonne
    Schwester: Ischtar, Tochter des Mondgottes Sin
    Vater: Sin, der Mondgott
    Ehefrau: Aja, die Morgenröte

    Tagsüber zieht er über den Himmel, Nachts spendet er sein Licht in der Unterwelt. Er gilt als Begleiter und Leitstern der einsam Reisenden. Als Richter der Ober- und der Unterwelt sorgt er für Gerechtigkeit, die auch darin besteht, dass für die Armen und Schwachen gesorgt wird. Diese Aufgabe gab er als Auftrag an die Könige weiter, die von seinen Gnaden zum Regieren bestimmt wurden.

    Schamaschs Strahlen sind Leben spendend. Damit ist er, wie seine Schwester Ischtar, ein Fruchtbarkeitsgott. Da seine Kraft wohltätig ist, gilt er auch als Gott der Heilung.

    Als Sonnengott steht er über allem Geschehen, er ist der Gott, der alles sieht und alles bewacht, wird er bei Weissagungen angerufen, damit sein Wissen in das Opfertier übergeht, aus dessen Innereien man die Zukunft vorhersagt. Doch er wird auch angerufen, um geweissagtes Übel abzuwenden und Verzauberungen und Flüche zu lösen.

    Schamaschs Aufgaben werden auch durch seine Handlanger und Helfer ausgeführt. Zu Ihnen gehört Nuska, der Gott von Feuer und Flamme.

    Es sind zwei wesentliche Eigenschaften, aus denen sich Schamaschs Aufgaben ableiten: Die Tatsache, dass ihm als Sonne nichts entgeht, da seine Strahlen auf alles fallen und alles durchdringen und die Tatsache, dass er lebensspendende Kraft schenkt. Der Allesseher ist fähig, wahre Unschuld und tatsächliche Schuld zu erkennen und er erhält das Leben – das der Kranken, als auch das der Gesunden, sowohl, was die körperlichen aber auch die alltäglichen Belange angeht.

    Wenn der Sonnengott sich morgens aus seinem Zwillingsgebirge Maschu förmlich heraussägt, treffen konkreter Zeitpunkt und konkreter Ort aufeinander. Dies ist eine magische Zeit, in der unsere Welt und die Welt der Götter einander nahe sind. Dementsprechend fielen wichtige antike Riten und spirituelle Reinigungszeremonien auf diesen Zeitpunkt.

    Das Gebirge, in dem Schamasch abends eingeht und aus dem er morgens wieder aufsteigt, ist ein legendärer Ort, der alle Ebenen der Wirklichkeit miteinander verbindet. Seine Wurzeln reichen von der Unterwelt hinauf und seine Spitze langt an den Himmel, den Wohnsitz der hohen guten Götter.

    Quellenangaben

    Brigitte Groneberg: Die Götter des Zweistromlandes – Artemis & Winkler 2004

    Henrietta McCall: Mesopotamische Mythen – Reclam 2003

    Gregor A. Gregorius/ Friedrich Meyer/ Abdul Alhazared: Das Necronomicon. Die Goetia oder der kleinere Schlüssel Salomonis - Schikowski Verlag 1980

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    Serafia Serafin (Fotos & Illustration)

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    Letzte Änderung: 23. Jun 16
    Serafia Serafim

    Serafia Serafin ist Autorin des Blogs „Hexenhag“ und Teil des Teams der Magie-Com, einem Forum für Magieinteressierte.

    Serafia Serafins größte Leidenschaft war lange Zeit das Anzweifeln und Hinterfragen aller Glaubenssätze. Dabei war ihr Motto „nur das, was du selbst erlebst, kann als wahr bezeichnet werden“. Vielleicht lag diese Einstellung an ihrem Elternhaus: Ihr Vater ist Naturwissenschaftler, ihre Mutter ist Buchhalterin. Durch die Erfindung des Internets hatte Serafia Serafin die Chance, sich davon zu überzeugen, dass es Menschen gab, die verrückt genug sind, an Magie zu glauben. So wurde sie mit dem Teil in ihr selbst konfrontiert, der sich genau danach sehnte. Und da in ihren Augen nichts über eigene Erfahrungen geht, war es klar, dass sie sich mit praktischer Magie beschäftigen musste. Ein glücklicher Zufall führte sie 2005 zu ihrer ersten Lehrerin, der Besitzerin eines Geschäftes für magisch Interessierte, der heute leider nicht mehr existiert. Weitere Kontakte, regelmäßige Rituale und Arbeitsgruppen folgten. Heute arbeitet Serafia Serafin vor allem allein.

    Webseite: whitchesspot.blogspot.de/

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