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Der Baumstumpf

Warum der Wald verzaubert ist

der Kessel #1: Naturverehrung

  • Der Baumstumpf von: Feri
    lesbar: Lesezeit: 7 Min.

    Manchmal, wenn man den Ruf aus unsichtbaren Welten zu oft überhört hat, scheint man sich verlieren zu müssen, um sich wieder zu finden. Und erfahrungsgemäß eignet sich ein Waldspaziergang besonders gut dafür: Dort, wo die Grenzen zwischen Ich-Bewusstsein und Naturerleben verschwimmen, kann Magie wieder unverhofft zu neuem Leben erweckt werden. Ein persönlicher Bericht über den Ruf des Bussards, die Erinnerungen des genius loci und die Wechselwirkung zwischen Dichtkunst und Realität.

    Hinter jedem Baum versteckt sich eine Geschichte. Und ich habe schon allzu lange keiner mehr gelauscht.
    Der Alltag hat mich fest im Griff. Workshops und Interviews wollen vorbereitet werden, Übersetzungen sind anzufertigen, Gespräche mit Klienten stehen an und meine Liebsten verlangen ebenfalls nach Aufmerksamkeit. Seit Tagen habe ich mir schon keine Zeit mehr genommen, nur für mich da zu sein. Ich fühle mich ausgelaugt. Dabei gibt es da etwas, von dem ich weiß, dass es mir Kraft gibt, das mich auf der Erde hält und für das ich bisher von jeder noch so kosmischen Einheitserfahrung wieder in die Realität zurückgekehrt bin. Etwas, das ich als eine eigene Bewusstseinsform betrachte.

    Geschichten.

    Zu lange habe ich es vor mir hergeschoben, mich ihnen wieder mit allen Sinnen hinzugeben. Ich gestehe mir ein, dass ich heute schlichtweg zu erschöpft bin, um noch effizient arbeiten zu können. Stattdessen beschließe ich, endlich mal wieder in den Wald zu gehen – zu den Geschichten, die dort auf mich warten.
    Es ist ein strahlend schöner und ungewöhnlich warmer Herbsttag. Schon auf dem Weg entspannt sich mein Körper merklich und freut sich auf die Erfahrung. Geschichten mögen an jedem Ort zu finden sein, zu jeder Zeit, doch heute will ich mich bewusst in und von der Natur führen lassen.
    Das ist ein Talent von mir: Ich kann schnell in das Mysterium des Waldes eintreten. Ich gebe mich seinen Stimmen und Pfaden anheim, lasse mich von intuitiven Impulsen leiten und verliere mich in einem neugierig-ziellosem Dahinstreunen. Und jedes Mal wieder bin ich dann überrascht davon, was mir die Natur von sich preisgibt, wenn ich ihr meine Schritte überlasse.

    Bald finde ich mich in einem abgelegenen Bereich wieder, der mir noch nie aufgefallen ist, obwohl ich mir doch einbilde, diesen Wald so gut zu kennen. Es zieht mich zu einer Stelle, an der, verborgen unter einigen jungen Fichten und umgeben von inzwischen kahlen Heidelbeersträuchern und Dornengestrüpp, ein alter Baumstumpf steht. Er ist ganz von Moos und einigen Pilzen überwachsen. Und ich weiß plötzlich auf jene unbekümmerte Weise, die ihre eigene Art der Gewissheit in sich trägt: Über so einen Baumstumpf hätte mir mein Großvater bei unseren Spaziergängen in meiner Kindheit erzählt, dass unter ihm ein paar Gnome hausen.
    Schlagartig fühle ich mich leichter und das Gefühl stellt sich ein, angekommen zu sein. Hierher sollte mich heute mein Weg führen. Ich frage den Platz, ob ich hier ein wenig verweilen, ob ich hier ein wenig lauschen darf.

    Ich fühle mich willkommen und hocke mich zwischen den Pflanzen unter die Bäume. Eine erholsame Stille breitet sich in mir aus und macht den Eindrücken Platz, die mir üblicherweise von den nichtkörperlichen Sinnen vermittelt werden. Doch heute will sich auch nach einer ganzen Weile einfach nichts einstellen. Die Stille bleibt unerfüllt. Ich fühle mich uninspiriert und bin traurig, weil ich keine Geschichten erzählt bekomme. Ich frage mich, ob ich meine Zeit verschwendet habe und unverrichteter Dinge wieder nach Hause gehen muss.

    Da höre ich plötzlich den Ruf eines Bussards. Sein Schrei begleitet mich seit einer Visionssuche vor vielen Jahren. Er bricht durch die Stille und mein Bewusstsein verschiebt sich. Plötzlich fühlt sich die Welt verzaubert an.
    Und ich begreife: Wenn dich keine Geschichte findet, erzähle selbst eine. Sei selbst die Inspiration. Bring in die Welt, was du suchst.
    Ich sehe mir nochmals den alten Baumstumpf an. Ich bin mir nicht sicher, ob hier tatsächlich ein paar Gnome wohnen. Aber ich erzähle ihm von der kleinen, nicht immer sichtbaren Tür zwischen seinen Wurzeln, die sich in einen schummrig beleuchteten Gang öffnet, der sich nach ein, zwei Biegungen zu einer kleinen, unterirdischen Höhle öffnet, in der ich von den verhutzelten Wesen lachend begrüßt werde. Es wird gerade ein Fest gefeiert. Sie tanzen um eine Kristallspitze, die hier jemand vor vielen Jahren vergraben hat, als er von einem geliebten Menschen verlassen wurde.
    Sie hüten diesen Kristall wie einen Schatz; nicht weil er so sonderlich wertvoll wäre, sondern weil er ihre Erinnerungen in sich trägt, die sie seit Generationen weitergeben. Und sie zeigen mir einige von diesen Erinnerungen.

    Ich sehe eine junge keltische Frau, die sich eines Nachts hier ganz in der Nähe vor römischen Soldaten versteckt hält und nicht zu atmen wagt. Ich sehe den Holunder, der jemanden getröstet hat, als er so erschöpft war, dass er keinen Ausweg mehr wusste. Und da ist die alte Buche, die inzwischen vom Blitz getroffen worden ist und in deren Wurzeln ein junger Mann vor gar nicht mal so vielen Jahren einen Stein vergraben hat, weil er hoffte, er würde sich über Nacht in Gold verwandeln. Da ist das frisch verliebte Paar, das sich etwas den Hang hinauf zum ersten Mal liebt.

    Und ich weiß längst nicht mehr, ob ich mir all das nur ausdenke und dem Platz hier erzähle oder etwaige hier gespeicherte Informationen mit einem erweiterten Sensorium wahrnehme ... und worin genau überhaupt der Unterschied bestünde. Ich bin in jenen Zustand eingetreten, der mir so vertraut ist und den ich mit meiner speziellen Art der Magie identifiziere. Die Grenzen zwischen Empfinden und Gestalten, zwischen Lauschen und Anvertrauen verschwimmen; ich werde selbst zu einem lebendigen Aspekt des uralten Stroms des Erzählens, bin jetzt durch mein Sein und Tun eingewoben in die Geschichte dieses Ortes und werde es immer sein – wo und wer auch immer ich bin.

    Es ist ein Erzählen, das weit mehr ist als das bloße Berichten von Tatsachen. Durch dieses Erzählen bekommt die Welt Bedeutung und Heilkraft, und in ihm spüre ich den Fäden nach, mit denen die Elemente meines Lebens miteinander verbunden sind. Manchmal spiele ich auch mit ihnen, um die Elemente neu zu arrangieren; das ist meine Weise, Magie zu betreiben. Es drückt mein Verständnis darüber aus, was es bedeutet, auf der Welt zu sein.

    Dankbar verabschiede ich mich vom genius loci und mache mich leichten Herzens auf den Heimweg. Mein Widerstand gegen die Anforderungen, die mir vorher über den Kopf zu wachsen drohten, ist wie weggeblasen. Ich freue mich sogar auf sie und habe auch schon einige Ideen, wie ich sie angehen werde. Vor allem aber fühle ich mich wieder mit der Natur, mit meinem Körper und mit den Menschen um mich herum verbunden. Letztlich finden wir in allen Geschichten doch vor allem eines: einander.
    Wind kommt auf und fährt durch die Bäume. Die bunten Blätter schweben auf mich herab und ihr Lied begleitet mich nach Hause.

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    Bernhard Reichers Mythomagie

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    Letzte Änderung: 29. Feb 16
    Bernhard Reicher

    Bernhard Reicher ist Schriftsteller, Chefredakteur des Phantastik-Magazins Visionarium und praktizierender Magier.

    Bernhard Reicher wurde in eine spirituelle und künstlerische Familientradition hineingeboren; in mindestens vierter Generation sind diese Fähigkeiten nun auch bei ihm ausgeprägt. Seit seiner Kindheit hatte er vielfältige Kontakte zu Medien, Heilern, spirituellen Lehrern, Schamanen und unterschiedlichen magischen Gruppierungen. Auf Reisen im Inneren und Äußeren, durch Ausbildungen und Initiationserlebnisse entwickelte er einen individuellen, sehr pragmatischen und humorvollen Zugang zur Magie.

    Webseite: www.bernhardreicher.at/

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